Hüftleiden: AMIS-Methode - Die Vorteile

PATIENTEN-NEWS

Beidseitige Hüftoperationen sind möglich



In Deutschland erhalten jedes Jahr etwa 200 000 Menschen ein künstliches Hüftgelenk. Dr. Martin Nolde und Dr. Dominikus Hausmann nutzen für den Einsatz von Hüftprothesen das AMIS®-Verfahren (Anterior Minimal Invasive Surgery). Sie setzen auf diese Weise jährlich rund 700 Hüftimplantate ein, davon etwa 140 beidseitig.


Herr Dr. Nolde, warum ist der Bedarf an Hüftendoprothesen so groß?
Dr. Nolde: Immerhin leiden gut zehn Prozent der Menschen hier zulande unter einer Arthrose, davon ist in jedem zweiten Fall die Hüfte betroffen. Dies ist nicht nur schmerzhaft, sondern bringt zudem eine fortschreitende Einschränkung der Beweglichkeit mit sich. Die Patienten neigen in der Regel dazu, eine Schonhaltung einzunehmen, was wiederum dazu führt, dass auch andere Gelenke und Strukturen immer mehr geschädigt werden. Die betroffenen Patienten können an Aktivitäten der Familie und des Freundeskreises oft nur unter Schmerzen teilhaben, bis sie schließlich gezwungen sind, sich mehr und mehr zurückzuziehen. Am Ende bleibt als Ausweg oft nur ein künstlicher Gelenkersatz.
 

Welche Anforderungen werden heutzutage an ein Hüftimplantat gestellt?
Dr. Hausmann: Ursprünglich diente der operative Gelenkersatz vor allem dazu, die Invalidisierung von Patienten mit schwerer Arthrose zu verhindern und den Betroffenen zu ermöglichen, den Alltag im fortgeschrittenen Alter schmerzfrei zu bewältigen. Heute werden in zunehmendem Maße auch jüngere, sportlich aktive Menschen, die unter einer schmerzhaften und die Beweglichkeit einschränkenden Gelenkerkrankung leiden, mit Hüftprothesen versorgt. Darüber hinaus bringt es der demografische Wandel mit sich, dass auch bei älteren Menschen die Ansprüche steigen, die an die individuelle Belastbarkeit, Mobilität und Lebensqualität gestellt werden. Aus diesen Gründen ist es wichtig, dass die eingesetzten Implantate größeren Langzeitbelastungen und höheren Spitzenbelastungen standhalten.


Mit der AMIS-Technik ist eine Muskelverletzung so gut wie ausgeschlossen.


Auf welche Weise wird die moderne Gelenkchirurgie diesen Anforderungen gerecht?
Dr. Nolde: Zum einen wurde die Qualität der eingesetzten Materialien, Prothesendesigns und Herstellungsverfahren verbessert. Zum anderen haben sich auch die chirurgischen Operationstechniken der Prothesenimplantation weiterentwickelt. Wie auch in der Bauch- oder Organchirurgie, hängt der Erfolg in der orthopädischen Chirurgie entscheidend vom optimalen Operationszugang und von schonenden Techniken ab. So kann eine Hüftprothese, die laut Röntgenbild perfekt im Knochen sitzt, trotzdem in ihrer Funktion beeinträchtigt sein und zu Beschwerden führen, wenn durch den Eingriff für die Gelenkfunktion wichtiges Gewebe wie Sehnen und Muskeln geschädigt oder zerstört wurde.

Im Blickpunkt steht daher heutzutage immer mehr die funktionelle Einheit von Knochen, Muskeln, Sehnen und Nerven. Der Operationserfolg hängt daher entscheidend von der Kompetenz des operierenden Chirurgen ab. In der Vergangenheit war es vor allem üblich, das Implantat über den hinteren oder direkt seitlichen Operationszugang einzusetzen. Bei diesen Methoden bestehen beträchtliche Risiken für ein Weichteiltrauma, so dass Muskeln und Nerven, die für die Gelenkfunktion wichtig sind, beschädigt werden. Mögliche Folgen sind eine Muskelschwäche der betroffenen Hüfte was zu einem hinkenden Gangbild, bleibenden Muskellähmungen und Luxationen (Ausrenkungen) des Hüftgelenkes führen kann. Zudem dauert es oft Wochen, bis die volle Belastbarkeit wiederhergestellt ist.

Der Operationserfolg hängt daher entscheidend von der Kompetenz des operierenden Chirurgen ab


Wie ist es möglich, die das Hüftgelenk umgebende Muskulatur zu schonen?
Dr. Hausmann: Mit der AMIS-Technik ist eine Muskelverletzung so gut wie ausgeschlossen. Dabei handelt es sich um einen anterioren, d. h. vorderen Operationszugang über einen sechs bis acht Zentimeter langen Schnitt, der knapp unter der vorderen Spitze des Beckenkamms über dem Verlauf des Tensormuskels erfolgt. Indem die Muskulatur in der Muskellücke zwischen dem Tensormuskel und dem geraden Oberschenkelmuskel stumpf auseinandergehalten wird, ist es möglich, von vorne an das Hüftgelenk zu gelangen. Zudem verschafft uns die AMIS-Methode den Vorteil, dass das  genutzte Muskelintervall exakt an der Grenze der Gebiete liegt, in denen sich die von vorn und von hinten kommenden Nerven befinden, welche die Hüftmuskulatur versorgen. Der vordere Zugang wird daher auch als internervaler und intermuskulärer Zugang bezeichnet.

Aus diesem Grunde ist die AMIS-Technik die einzige Methode, bei der eine durch Nervenverletzung bedingte Muskelschwäche praktisch ausgeschlossen werden kann. Dieser entscheidende Vorteil wurde in MRT-Studien bestätigt. Außerdem eröffnet uns der AMIS-Zugang eine hervorragende Sicht auf die Hüftgelenkpfanne was eine exakte Positionierung der Implantate gewährleistet. Eine optimale Voraussetzung, um auch kompliziertere Probleme an der Pfanne, wie sie zum Beispiel im Zusammenhang mit einer Hüftdysplasie auftreten, zu behandeln. Darüber hinaus ist es in den meisten Fällen über den AMIS-Zugang auch möglich, Operationserweiterungen auf schonende Weise durchzuführen, beispielsweise um einen Knochenbruch an der Prothese zu versorgen oder andere Revisionsoperationen bis hin zum Prothesenwechsel durchzuführen. Auch bei diesen komplexen Eingriffen profitiert der Patient von der überaus schonenden OP-Technik.
 

Die AMIS-Methode eignet sich auch zur beidseitigen Operation in einer Sitzung?
Dr. Nolde: Das ist richtig. Bei Patienten mit einer beidseitigen schmerzhaften Hüftarthrose können wir beide Hüftgelenke im Rahmen einer Doppelsitzung ersetzen. Neuere Untersuchungsergebnisse bestätigen, dass es dadurch zu keinem klinisch relevanten gesteigerten Blutverlust und eher weniger Komplikationen als bei zwei zeitversetzten Operationen kommt. Insbesondere das Risiko einer Beinvenenthrombose oder einer Lungenembolie ist bei dem Doppeleingriff geringer als bei der zweizeitigen Versorgung. Zudem ist das funktionelle Ergebnis in der Regel sogar besser und wird früher erreicht. Die Patienten sind in den allermeisten Fällen auch bei beidseitiger Versorgung in der Lage, schon am ersten Tag nach dem Eingriff aufzustehen und beide Beine voll zu belasten. 

 

Kann ich nach einer solchen Operation wieder Sport betreiben?
Dr. Hausmann: Absolut ja! Denn ein gut trainierter Muskelapparat stabilisiert das Kunstgelenk und trägt so zu einer langen Lebenszeit der Implantate bei. Das hängt aber von der Sportart und - ganz entscheidend – von Trainingszustand des Patienten ab. Nach erfolgter Einheilung der Implantate kann daher auch in Einzelfällen sogar wieder Risikosport wie Kampf- oder Kontaktsport ausgeführt werden. Im Allgemeinen sollten aber Sportarten mit hohem Sturzrisiko und  häufigen Stoßbelastungen erst nach Rücksprache mit dem Operateur durchgeführt werden. Alle Sportarten mit zirkulären Bewegungen und ohne Sturzgefahr, wie zum Beispiel Nordic Walking, Radfahren und Schwimmen sind in der Regel  problemlos, aber auch Alpinski, Golf und Tennis ist den meisten Patienten auch mit einer Hüftprothese möglich.