Morgens der erste Schritt aus dem Bett, und das Knie protestiert. Nicht dramatisch, kein stechender Schmerz, eher ein dumpfes Mahnen. Viele Menschen kennen das. Und viele ignorieren es, bis aus dem Mahnen ein Dauerton wird.
Kniearthrose gehört zu den häufigsten Gelenkerkrankungen überhaupt. Nach Daten des Robert Koch-Instituts gab 2019 jeder sechste Erwachsene in Deutschland an, an Arthrose zu leiden, Frauen deutlich häufiger als Männer. Bei Menschen über 60 Jahren steigt die Häufigkeit auf rund 30 Prozent. Und das Kniegelenk trifft es dabei besonders oft: Bei etwa der Hälfte aller Arthrosepatienten ist es das betroffene Gelenk.
Was viele nicht wissen: Im Frühstadium ist die Erkrankung keineswegs ein Schicksal, das man passiv hinnehmen muss. Wer früh handelt, hat gute Chancen, den Verlauf deutlich zu verlangsamen, manchmal über viele Jahre.
Was bei Kniearthrose im Frühstadium passiert
Arthrose ist kein reiner Verschleiß, auch wenn der Begriff „Gelenkverschleiß“ so klingt. Es handelt sich um einen Prozess, bei dem der Knorpel im Kniegelenk seinen Zustand verändert: Er wird dünner, rauer, verliert seine Pufferfunktion. In der Frühphase sind diese Veränderungen oft noch reversibel beeinflussbar, zumindest in ihrer Dynamik. Das Gelenk reagiert auf Reize. Der Knorpel ernährt sich durch Bewegung, weil er keine eigene Blutversorgung hat. Wer sich schont, schadet paradoxerweise dem Knorpel mehr, als wer sich bewegt.
Typische Frühzeichen sind Anlaufschmerz, also Beschwerden beim Aufstehen nach längerem Sitzen, Steifigkeit am Morgen, die sich nach einigen Minuten legt, sowie ein gelegentliches Reiben oder Knacksen im Gelenk. Schwellungen oder starke Schmerzen bei Belastung kommen in der Regel erst später.
Was die aktuelle Leitlinie empfiehlt
Im Mai 2025 veröffentlichte die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie die überarbeitete S3-Leitlinie zur Prävention und Therapie der Gonarthrose. Das Fazit ist eindeutig: Nicht jede Kniearthrose muss operiert werden. Die Leitlinie stellt die konservative Therapie in den Vordergrund und betont dabei ausdrücklich die Eigenverantwortung der Patienten.
Im Kern stehen drei Bausteine: Bewegungstherapie, Gewichtsreduktion und Patientenaufklärung. Kraft-, Ausdauer- und Beweglichkeitstraining, am besten unter Anleitung eines Physiotherapeuten, gelten als Erstmaßnahmen. Wasseranwendungen wie Aquagymnastik können die Beschwerden lindern, weil das Wasser das Körpergewicht abfängt und das Gelenk entlastet.
Was die Leitlinie nicht empfiehlt: andere physikalische Verfahren wie Kurzwellen, Mikrowellen oder Ultraschall bei Kniearthrose. Sie haben sich nach aktuellem Kenntnisstand als wenig wirksam erwiesen.
Schmerzmittel, insbesondere nicht-steroidale Antirheumatika wie Ibuprofen oder Diclofenac, kommen kurzzeitig zum Einsatz, sind aber aufgrund von Nebenwirkungen bei älteren Menschen nur nach strenger Abwägung sinnvoll. Sie behandeln das Symptom, nicht die Ursache.
Übergewicht als unterschätzter Faktor
Übergewichtige Menschen tragen ein bis zu vierfach erhöhtes Risiko, an Kniearthrose zu erkranken, im Vergleich zu Personen mit normalem Körpergewicht. Das Kniegelenk trägt beim Gehen etwa das Drei- bis Fünffache des Körpergewichts. Jedes Kilo weniger auf der Waage bedeutet mehrere Kilo weniger Belastung im Knie. Das klingt simpel, ist aber wissenschaftlich gut belegt und in der Praxis einer der wirksamsten nicht-operativen Hebel.
Gleichzeitig darf dieser Faktor nicht zur Schuldzuweisung werden. Kniearthrose betrifft auch schlanke Menschen, auch Leistungssportler, auch jüngere Patienten. Die Ursachen sind immer multifaktoriell: genetische Veranlagung, Achsfehlstellungen, frühere Verletzungen und eben auch biomechanische Dauerbelastung.
Wann wird eine Operation sinnvoll?
Die kurze Antwort: deutlich seltener, als in der Vergangenheit operiert wurde. Eine Analyse der Techniker Krankenkasse mit rund 9.000 Rückenpatienten ergab, dass 88 Prozent aller Rückenoperationen nach einer Zweitmeinung als nicht notwendig eingestuft wurden. Eine ähnlich kritische Betrachtung gilt für das Knie. Gelenkspülungen, die einst häufig durchgeführt wurden, zeigen laut aktueller Studienlage keinen klinisch relevanten Nutzen gegenüber dem konservativen Vorgehen.
Eine Knie-Totalendoprothese ist dann gerechtfertigt, wenn der Knorpel weitgehend zerstört ist, konservative Maßnahmen ausgeschöpft wurden und die Lebensqualität dauerhaft stark eingeschränkt ist. In Deutschland werden jährlich rund 170.000 Knieendoprothesen implantiert, eine Zahl, die nach Einschätzung von Fachgesellschaften zu hoch ist.
Was Patienten selbst tun können
Bewegung bleibt das wirksamste Mittel. Nicht jede Sportart eignet sich gleich gut: Radfahren, Schwimmen und Nordic Walking schonen das Gelenk, während Sportarten mit abrupten Richtungswechseln und hohem Aufprall eher gemieden werden sollten. Wer lange inaktiv war, sollte behutsam beginnen und die Intensität schrittweise steigern.
Physiotherapie, individuell abgestimmt auf die Schwere der Arthrose, bringt nachweisbar Ergebnisse. Und sie hat einen weiteren Vorteil: Sie zeigt Patienten, wie sie im Alltag Kniegelenksbelastungen reduzieren, wie sie sitzen, stehen und treppensteigen, ohne das Gelenk unnötig zu belasten.
Die neue Leitlinie bringt es auf den Punkt: Therapieerfolg hängt maßgeblich von der Mitarbeit der Patienten ab. Das klingt nach Bürde. Es ist aber auch eine Chance. Wer früh anfängt, aktiv mit der Erkrankung umzugehen, gewinnt Zeit, Mobilität und Lebensqualität.