Er fängt klein an. Ein leichtes Abweichen der großen Zehe nach außen, ein kleiner Höcker am Ballen, der im Schuh reibt. Viele Menschen sehen Hallux valgus lange als kosmetisches Problem, bis der Ballen entzündet ist, die benachbarten Zehen verschoben werden und das Gehen zur täglichen Einschränkung wird.
Über 10 Millionen Menschen in Deutschland haben Hallux valgus. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Das liegt nicht nur an den vielzitierten spitzen, engen Schuhen, auch wenn enges Schuhwerk als klarer Risikofaktor gilt. Genetische Veranlagung, schwaches Bindegewebe und Grunderkrankungen wie Rheuma oder Arthrose tragen ebenfalls zur Entstehung bei.
Was Hallux valgus mit dem ganzen Fuß macht
Der Begriff „valgus“ beschreibt eine Abweichung in Richtung der Körpermitte: Die große Zehe weicht nach außen ab, der erste Mittelfußknochen dreht nach innen. Dadurch entsteht der charakteristische Ballen auf der Innenseite des Fußes.
Was nach einer isolierten Fehlstellung aussieht, verändert den gesamten Fuß. Durch die verschobene Großzehe werden die anderen Zehen verdrängt. Es entstehen Druckstellen, Hühneraugen, Hammer- und Krallenzehen. Das Gangbild verändert sich, der Fuß rollt nicht mehr optimal ab. Langfristig kann das die Kniegelenke und die Wirbelsäule belasten.
Die Fehlstellung entwickelt sich langsam, über Jahre. Ohne Eingriff korrigiert sie sich nicht von selbst.
Stadien und was sie bedeuten
Orthopäden messen den Schweregrad anhand des Hallux-valgus-Winkels, also dem Winkel zwischen der Grundphalanx der Großzehe und dem ersten Mittelfußknochen. Bis etwa 20 Grad gelten die Beschwerden als leicht, darüber nimmt der Leidensdruck in der Regel zu. Ab etwa 40 Grad spricht man von einer schweren Fehlstellung.
Im leichten Stadium sind Beschwerden oft noch gering: Der Ballen ist druckempfindlich, beim falschen Schuh schmerzt er. In diesem Stadium bieten konservative Maßnahmen noch Spielraum: Fußgymnastik, Zehenspreizer, weiches breites Schuhwerk und Barfußgehen stärken die Fußmuskulatur und können das Fortschreiten der Fehlstellung verlangsamen.
Ab einem mittleren Stadium tritt der Schmerz regelmäßig auf. Schienen, die die Zehe nachts gerade halten sollen, sind verbreitet. Das Bundesgesundheitsministerium formuliert es nüchtern: Es ist unklar, ob Schienen das Fortschreiten des Hallux valgus wirklich aufhalten. Die Fehlstellung korrigieren können sie nicht.
Wann nur noch eine Operation hilft
Nur eine Operation kann die knöcherne Fehlstellung dauerhaft korrigieren. Das ist der entscheidende Unterschied zum Knieimpingement oder einer Arthrose im Frühstadium, wo konservative Therapie Hauptbestandteil des Behandlungsplans ist. Beim Hallux valgus ist die Konservativtherapie eine Verzögerungstaktik, keine Heilungsstrategie.
Weltweit sind über 100 verschiedene Operationsverfahren beschrieben. Die häufigsten gelenkerhaltenden Verfahren sind die Scarf-Osteotomie und die Chevron-Osteotomie: Dabei wird der erste Mittelfußknochen durchtrennt, in die korrekte Stellung gebracht und mit kleinen Schrauben fixiert.
Die Operation erfolgt in der Regel ambulant unter örtlicher Betäubung. Die Heilungszeit variiert: Normales Schuhwerk ist nach vier bis sechs Wochen möglich, vollständige sportliche Belastung nach drei bis sechs Monaten.
Was die Operation nicht heilt
Eine Hallux-valgus-Operation korrigiert die Fehlstellung, verändert aber nicht die Ursachen. Wer weiterhin enges Schuhwerk trägt, eine genetische Veranlagung hat oder an Rheuma leidet, trägt ein erhöhtes Rückfallrisiko. Fußgymnastik nach der Operation ist daher kein optionaler Zusatz, sondern ein wichtiger Teil der Nachsorge.