Druckwellen gegen Schmerz. Ein Verfahren zwischen Begeisterung und Skepsis Druckwellen gegen Schmerz. Ein Verfahren zwischen Begeisterung und Skepsis

Druckwellen gegen Schmerz. Ein Verfahren zwischen Begeisterung und Skepsis

Ursprünglich wurde die Stoßwellentherapie entwickelt, um Nierensteine zu zertrümmern, ohne den Körper zu öffnen. Dass dieselbe Physik heute in der Orthopädie eingesetzt wird, um Kalkablagerungen aufzulösen, chronische Sehnenprobleme zu behandeln und Knochenheilungsprozesse anzuregen, klingt nach einem weiten Sprung. Ist es aber nicht. Denn das Grundprinzip ist dasselbe: Hochenergetische Druckwellen, gezielt eingesetzt, können im Gewebe Prozesse in Gang setzen, die das Gewebe von außen nicht erreicht.

Was dieses Verfahren kann, was es nicht kann und bei welchen Diagnosen es wirklich Sinn ergibt, lässt sich heute mit einer angemessenen Evidenzlage beantworten.

Was eine Stoßwelle physikalisch ist

Eine Stoßwelle ist kein Ultraschall und keine Elektrostimulation. Sie ist ein akustischer Hochdruckimpuls, der innerhalb weniger Nanosekunden einen steilen Druckanstieg erzeugt und sich dann durch das Gewebe ausbreitet. Vereinfacht gesagt: ein mechanischer Schlag, der durch Haut und Weichteile in die Tiefe gelangt.

Zwei Grundtypen werden in der orthopädischen Praxis eingesetzt. Die fokussierte Stoßwelle bündelt die Energie auf einen definierten Punkt in der Tiefe und kann bis zu 12,5 Zentimeter tief ins Gewebe eindringen. Die radiale Druckwelle verteilt ihre Energie oberflächlicher und breiter.

Wie Stoßwellen im Gewebe wirken

Die genauen Wirkmechanismen sind noch nicht vollständig geklärt, was offen gesagt werden muss. Bekannt ist: Die mechanische Energie wird in biologische Signale umgewandelt, ein Prozess namens Mechanotransduktion. Das stimuliert die Bildung neuer Blutgefäße, aktiviert Stammzellen und mesenchymale Zellen und regt so Reparaturprozesse an.

Zusätzlich gibt es eine schmerzhemmende Wirkung über den sogenannten Gate-Control-Mechanismus: Die Reizung schnell leitender Nervenfasern hemmt die langsam leitenden Schmerzfasern. Das erklärt, warum Schmerzen oft noch während der Behandlung nachlassen, bevor biologische Reparaturprozesse überhaupt vollständig anlaufen.

Die meisten Behandlungsprotokolle umfassen drei bis fünf Sitzungen im Abstand von fünf bis zehn Tagen. Wichtig zu wissen: Die volle Wirkung tritt häufig erst sechs bis zwölf Wochen nach der letzten Behandlung ein.

Wo die Evidenz stark ist

Der Fersensporn ist das klassische Einsatzgebiet. Bei Plantarfasziitis ist die Stoßwellentherapie nach Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses als Kassenleistung anerkannt, ein Zeichen für eine ausreichend belegte Wirksamkeit. Drei Sitzungen sind hier das Standardprotokoll.

Bei der Kalkschulter ist die Evidenz ebenfalls positiv: Mittelenergetische Stoßwellen können Kalkdepots auflösen, die Entzündung reduzieren und die Beweglichkeit verbessern.

Bei verzögerter Knochenheilung, der sogenannten Pseudarthrose, kommen hochenergetische Stoßwellen zum Einsatz. Sie können den stagnierten Heilungsprozess reaktivieren und in manchen Fällen eine erneute Operation abwenden.

Wo die Evidenz schwächer ist

Beim Tennisellenbogen bewertet der IGeL-Monitor der gesetzlichen Krankenkassen die Stoßwellentherapie als tendenziell negativ. Studien berichten zwar von kurzfristiger Schmerzlinderung, aber überwiegend auch von vorübergehenden Nebenwirkungen, und ein klarer langfristiger Nutzen ist nicht ausreichend belegt.

Das bedeutet nicht, dass das Verfahren bei Tennisellenbogen nie hilft. Es bedeutet, dass die Entscheidung individuell getroffen werden sollte, nicht pauschal.

Wer Stoßwellentherapie nicht bekommen sollte

Absolute Gegenanzeigen umfassen Blutgerinnungsstörungen, Schwangerschaft, offene Wachstumsfugen bei Kindern und maligne Erkrankungen im Behandlungsbereich. Kortison-Injektionen in den letzten sechs Wochen vor der Behandlung gelten als relative Gegenanzeige.

Konklusion

Die Stoßwellentherapie ist kein Allheilmittel und kein Wundermittel. Sie ist ein gut erforschtes Verfahren für spezifische Diagnosen, mit klar definierten Stärken und ebenso klar definierten Grenzen. Wer mit Fersensporn seit Monaten kämpft oder mit einer Kalkschulter nicht weiterkommt, hat guten Grund, sie ernsthaft in Betracht zu ziehen.